Notizen aus der Provinz

Isernhagen (Hannover). Es war schon immer etwas teurer, in Isernhagen zu wohnen. Da wohnt einer von den Scorpions, auch ein gewisser HRK, im mondänen Herrenhaus residierte ffn, und die historischen Häuser der Bauernschaft glänzen frisch restauriert unter alten Eichen. Nur die alte Kneipe Dehne erinnert noch immer ganz unspektakulär an die klinkerroten Fünfziger Jahre, als Kultur im Kaff noch keine Rolle spielte. Das soll sich ändern, Hannover wird schon sehen! Besonders jetzt, wo die Wahl vor der Tür steht. Ein Bundesminister, Abgeordnete und Kandidaten diskutieren über Kultur auf'm Lande. Was sie wert ist und wer sie bezahlen soll. Da ist von Töpfen und Programmen die Rede, von Initiativen und "wir werden dies und werden das... Versprochen!" Beifall. Dann donnern junge Tänzer über die Holzdielen, und hip hop hast du nicht gesehen, wird Dehnes Saal zur poli(tik)phonen Disco. In der Ecke, hinten bei der Garderobe, steht ein Mann um die Fünfzig, noch viel blond und ein bisschen grau, ansonsten ganz in Schwarz und zwinkert den Takt mit Augenbrauen und Fußspitzen. "Klaus Hoffmann kommt als letzter, so um Viertel nach Acht", flüstert eine Eingeweihte, und wie die stille Post verbreitet sich die News von Tisch zu Tisch.

Aber erstmal wird diskutiert, Hoffmann bei den Politikern. Soll er sich wirklich äußern zu Sparprogrammen, Förderprogrammen, Subventionsauf- und abbau oder dazu, dass "wir im deutschen Sprachraum sensationelle 50 Prozent aller Opern der Welt versammelt haben"? Hoffmann spricht nicht viel, vielleicht ein paar Takte zur "Sinnstiftung durch Kultur", ja, aber organisieren kann man diesen Sinn nicht. Ein Sinn für alle? Wer macht Sinn, wo in der Kultur? Wo in den Medien. Ja, macht das alles Sinn? Acht Liedermacher gibt's in Deutschland, drei davon sind mehr oder weniger bekannt. Gehört Hoffmann dazu? Brauchen wir mehr von diesen Sangesbrüdern? Es sieht vordergründig nicht so aus. Kaum ein Sender, dessen Format die Lyrik aus Berlin zulässt, dennoch sind Hoffmann's Hallen Jahr für Jahr ausverkauft. Auch Dehne's Saal ist voll von Hoffmann's Anhängern. Beifall. Licht aus. Nur ein Scheinwerferkegel mitten auf der Bühne. Unprätentiös wie Bankangestellte steigen Klaus Hoffmann und Keyboarder Hawo Bleich auf die Bretter, die für sie den "Sinn" bedeuten. Keine Vorrede, jeder weiß ohnehin, jetzt folgt Kultur ganz praktisch.

"Und wenn, wenn eine Flamme in mir wär. Ein Feuer wie ein Licht im Meer, ich könnte jeden Weg beginnen..." Die akustische Gitarre und schwebende sphärische Klänge von den Keyboards tragen die Worte des Sängers durch den Abend im regnerischen Isernhagen. "Und wenn die Liebe in mir wär, so grenzenlos, so wie das Meer, ich müßte keinen Brunnen fragen. Wenn mir nichts blieb als freie Wahl, ob höchster Berg, ob tiefstes Tal, ich weiß, die Liebe würd mich tragen..." Publikum, wie kannst du gebannt und geeint sein bei diesem starken Stück. Sie sind 20, 30, 50, 70 Jahre alt, denen dieser Mann zu Herzen geht. So zärtlich haarsträubend, dass die Seele schwingt und die Gänsehaut chronisch wird. Und alles "für det bißchen Zärtlichkeit"! Seit 30 Jahren singt ihnen der schwarz gekleidete "Feuervogel" aus der Seele. "Geh nicht fort von mir" möchte man ihm zurufen, als er nach drei Stücken und einer Zugabe mit einem Winken durch die Reihen geht. Standing Ovations, das ist klar, gut dass der Mensch diesmal so nahe ist. Hier draußen, hier auf'm Dorfe, am Rand der Äcker mitten in der Provinz. In ein paar Stunden ist er wieder zu Hause, wenn in Berlin derselbe Mond aufgeht wie über Isernhagen. "Morjen Berlin - ich mag dich!"

Jürgen Gutowski (JGutowski@aol.com)

 

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